Der Unterschied zwischen Schmerz und Leid

Aktualisiert: Sept 16


Ich möchte den Blogbeitrag mit einem Zitat von Jack Kornfield beginnen:

"Die buddhistische Psychologie unterscheidet klar zwischen Schmerz und Leid. Schmerz ist ein unvermeidlicher Aspekt unserer Welt. Schmerz ist eine physische, biologische und soziale Tatsache. Er ist mit unserer Existenz verwoben wie Tag und Nacht, so unabweisbar vorhanden wie die Eigenschaften von hart und weich, heiß und kalt. Doch Leiden und Schmerzen sind nicht dasselbe. Das Leiden ist unsere Reaktion auf den unvermeidlichen Schmerz im menschlichen Leben. Schmerz ist unvermeidlich, Leiden nicht. Leiden entsteht aus Anhaftung."


Ich schätze diesen Autor sehr. Aber was genau möchte er denn damit sagen? Das es meine eigene Schuld ist, wenn ich leide? Ja, genau darum geht es.


Es ist eine Tatsache, dass ich, wenn ich krank und erkältet bin, sehr leide. Fragt meinen Mann, er wird es Euch bestätigen. Wenn ich Fieber bekomme, sterbe ich. Ich bin die Tochter meines Vaters und definitiv sehr anfällig für die tödliche Männergrippe. Es ist mir (Gott sei dank) sehr fremd, wenn mein Körper nicht "richtig" funktioniert und ich mag es nicht, wenn ich mich matt und abgeschlagen fühle. Ich mag es nicht, wenn ich vom Husten Muskelkater bekomme und ich kriege die Krise, wenn die Kopfschmerzen unerträglich werden. Und doch habe ich die Geburt meiner Tochter ohne PDA hinbekommen. Dabei waren diese Schmerzen um ein vielfaches stärker, als dies Kopfschmerzen jemals sein könnten.


Ich glaube, das ist ein gutes Beispiel. Denn der Schmerz bei der Geburt hat bei mir nicht die Spirale "Ich mag das nicht, ich werde nie wieder gesund, ich muss aber doch noch das und das machen..." losgelöst. In diesem speziellen Fall wusste ich, dass der Schmerz eben zu diesem Prozess gehört. Ich wusste, dass er endlich sein würde. Und ich wusste, dass es eigentlich ein gutes Zeichen ist.


Wenn ich erkältet bin, vergesse ich, dass die Symptome ebenfalls ein gutes Zeichen sind. Ein Zeichen dafür, dass meine Abwehr funktioniert und das mein Körper erfolgreich gegen die Eindringlinge kämpft. Ich sehe dann nur, dass mir das Essen nicht mehr schmeckt, dass ich Rückenschmerzen vom Liegen bekomme und alles doof ist.


Leid ist eher eine psychische Reaktion auf den Schmerz. Eine Ablehnung von dem, was ist. Tatsächlich verstärkt dies den Schmerz. Denn ich bin in einer Art Kampf und Verkrampfung. Meine Blutgefässe verengen sich zusätzlich und die Konzentration liegt auf dem, was ich eigentlich weg haben will: dem Schmerz. Nun... die Energie folgt den Gedanken und somit verstärkt sich das, was ich ablehne.


So ist es auch mit Trauer und den Verletzungen im Alltag. Natürlich schmerzt der Verlust eines Menschen. Natürlich tut es weh, wenn mein Partner mich beleidigt und beschimpft. Doch durch das Kreisen und immer wieder Wiederholen von Vorwürfen oder Erinnerungen verstärke ich diesen Schmerz. Es ist das "Leiden", das ich selbst erzeuge. Es ist die Anhaftung an eine Vorstellung, die ich nicht loslassen kann. Ist ein lieber Mensch gestorben, leide ich, weil ich mir wünschte, ich könne ihm noch einmal in die Augen sehen. Ist mein Partner einmal unfair mir gegenüber, leide ich, weil ich der Meinung bin, dass man sowas einfach nicht tut. Ich leide, wenn ich nicht akzeptieren kann, was ist.


Ich habe liebe Menschen kennen gelernt, die ihren Partner viel zu früh verloren haben. Hier gab und gibt es einen berechtigten Schmerz. Aber diese Menschen haben es geschafft, sich dem Leben neu zuzuwenden. Sie haben es geschafft, neuen Erfahrungen einen Raum zu öffnen und sich neu zu definieren. Da ist immer wieder der Schmerz, dass der Partner/die Partnerin nicht mehr da ist. Aber sie lächeln bei diesem Gedanken und wissen, dass sie nicht die Menschen heute wären, wenn es sie nicht gegeben hätte. In einer gewissen Art und Weise haben sie so die Erinnerungen integriert. Sie leiden nicht.


Manche leiden, weil sie eine Vorstellung von der perfekten Familie nicht loslassen können. Andere leiden, weil sie die Vorstellung, sie müssten immer alles richtig entscheiden, nicht loslassen können. Wieder andere leiden, weil sie die Vorstellung nicht loslassen können, sie müssten es anderen Recht machen. Es ist aber immer das gleiche: es ist die Art wie ich denke, die dieses Leiden verursacht. Der Schmerz selbst ist unvermeidbar. Es gehört zum Leben. Das Leiden ist es nicht...


In der Achtsamkeit und Meditation kann man lernen, leidvolle Gedanken wahrzunehmen. Wie in der Verhaltenstherapie kann man sie Schritt für Schritt wohltuende Gedanken ersetzen. Dabei ist es auch wichtig, mit Mitgefühl auf sich selbst zu schauen. Mitgefühl für den Schmerz zu haben. Manchmal löst sich das Leiden dann von ganz alleine auf.


Für mich was es eine herausragende Erfahrung als ich - nach langen leidvollen Jahren, in denen ich die Vorstellung von einer perfekten und immer gut gelaunten Mutter nicht loslassen konnte - mich einmal mitfühlend in meiner Überforderung und mit meinen schmerzhaften Selbstzweifeln zu betrachten. Ich sah mich in diesem Dilemma, in dem ich einfach nur verlieren konnte und plötzlich löste sich etwas auf. Danach litt ich deutlich weniger. Wer weiß... vielleicht kann ich es irgendwann auch ganz loslassen.



 

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